79.2 Kilometer
1620 Höhenmeter
4h 20min Fahrzeit
18.3 km/h (52.1 max.)
97.3 Watt (245 max.)
126.1 bpm (172.0 max.)
(Fast) sieben auf einen Streich – oder: Ein Ritt durch alle Jahreszeiten
Unsere heutige Tour begann, wie jede große Heldensaga beginnt: mit einer ordentlichen Portion Geduld. Der Prolog fand am „malerischen“ Straßenrand von Nizza statt, während Fabi versuchte, seinen bockigen Radcomputer zu bändigen. Das Gerät entschied sich jedoch für den totalen passiven Widerstand. Nach 30 Minuten kapitulierte Fabi: „Dann musst du eben heute navigieren!“ (Das klingt heldenhaft, ist aber in Wahrheit reine Routine, da wir typischerweise ohnehin im Team navigieren. Aber geschenkt: Sophie möchte – ausnahmsweise – Fabis angekratztes Ego in Momenten technischer Niederlagen nicht auch noch mit Besserwisserei strapazieren.)
Dann ging es endlich los – mitten hinein in das urbane Labyrinth der Vororte. Mehrspurig, grauer Asphalt, Autos überall. Sehenswürdigkeiten? Fehlanzeige. Dafür entwickelte sich eine tiefschürfende Debatte über die Etymologie des Wortes „Banlieue“ und die Frage, warum man hier eigentlich niemals freiwillig Rad fährt. Bildung auf zwei Rädern – auch eine Strategie, um zähe Passagen zu überbrücken.
Nachdem wir La Trinité hinter uns gelassen hatten, änderte sich die Kulisse schlagartig. Es ging bergauf Richtung Peillon – ein Anstieg wie aus dem Bilderbuch: enge Serpentinen und eine Straße, die sich wie eine Schlange um den Bergrücken windet. Jede Kurve bot eine neue Perspektive, jedes Mal ein kleines „Wow“. Peillon selbst? Ein mittelalterlicher Traum aus Stein.
Über Peille arbeiteten wir uns zum Col de Saint-Pancrace vor. Genügend Zeit auch, um schon über den passenden Titel für diesen Blogeintrag abzustimmen. Der Gewinner: “Sieben auf einen Streich”, denn ganze sieben Cols sollten es heute auf dem Tagesmenü sein. (Ja, genau: sollten es sein, aber dazu später mehr…) Und ehe wir uns versahen, steckten wir in der Auffahrt zum legendären Col de la Madone. Dort oben blies ein fieser, schneidender Wind, der jede Körperwärme sofort im Keim erstickte. In der Sonne war es noch mild, doch unter den Wolken fühlte es sich schlagartig 20 Grad kälter an. Sophie mutierte dabei schleichend von der eleganten Bergziege zur leicht grimmigen Kröte im Energiesparmodus – Kälte ist und bleibt ihr persönlicher Endgegner. Fabi hingegen führte einen einsamen Kleiderkrieg: „Zu warm? Zu kalt? Weste an oder aus?“ – eine finale Antwort wurde bis zum Gipfel nicht gefunden.
Vom Col de la Madone ging es weiter Richtung Sainte-Agnès, wo uns die vielleicht schönste Passage des Tages erwartete: der Weg zum Col des Banquettes. Eine echte Balkonstraße. Tief unten die Schlucht, ringsherum sattgrüne Hänge und in der Ferne das glitzernde Mittelmeer. Das sind Momente, die kein Foto der Welt adäquat einfangen kann; man muss sie mit den eigenen Beinen erstrampelt haben, um die volle Wirkung zu spüren. Auch die Abfahrt nach L’Escarène war ein verstecktes Meisterwerk: schmal, etwas holprig, aber völlig verlassen und fast schon verwunschen. Ein Ort, an dem man sich fragt: „Warum kennt das eigentlich niemand?!“ Fest steht: Das fahren wir nochmal. Aber dann bergauf!
In L’Escarène fiel schließlich die Entscheidung, die schon seit einigen Kilometern in unseren Köpfen reifte: Noch die letzten zwei Pässe – Col de Calaïson und Col de Châteauneuf de Contes – dranhängen oder… nach dem ohnehin noch anstehenden – entgegen seines vielversprechenden Namens ziemlich unspektakulären – Col de Nice direkt ab nach Hause? Die Aussicht auf coole Serpentinen war verlockend, doch wir wollten diese Landschaft genießen und nicht nur stumpf abstrampeln. Selbst die beste Bäckerei der Region konnte uns nicht mehr umstimmen. In Gedanken lief bereits das Wasser ein – und zwar in die Badewanne.
Fazit: Sieben Cols waren geplant, fünf sind es geworden. Dafür gab es urbanes Chaos, etymologische Diskurse, mittelalterliche Idylle, epische Panoramen und eine bibbernde Kröte im Rennradsattel. Klingt eigentlich nach einem ziemlich perfekten Tag, oder?




























